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Marlene Schnabel

Deaf-Performerin Susanne Kermer im Interview

 

Bei "The Voice Kids", "The Masked Singer" oder "GNTM" ist sie längst ein fester Bestandteil: Susanne Kermer. Als Deaf-Performerin macht sie Gebärdensprache für alle sichtbar. Aufgewachsen in einer tauben Familie, verbindet sie ihre Leidenschaft für Musik und Gebärden auf einzigartige Weise. Zur #PositivelyPurple-Aktionswoche gibt uns Susanne einen exklusiven Einblick in ihre beeindruckende Arbeit. 

Liebe Susanne, erzähl uns doch bitte kurz, wer du bist und was genau du machst: 

Ich bin Susanne, 38 Jahre alt, Taub, trage Hörgeräte und liebe Musik über alles. Weil Musik meine große Leidenschaft ist, habe ich sie zu meinem Beruf gemacht. Heute performe und vermittle ich Musik in Gebärdensprache für Menschen mit Hörbeeinträchtigung/Hörbehinderung, sodass sie Musik genauso erleben können wie Hörende. 

  

Kannst du uns etwas über deinen künstlerischen Hintergrund erzählen und wie du zur Deaf-Performance gekommen bist? 

Musik war schon früh ein wichtiger Teil meines Lebens. Ich habe viel mit Musik gemacht: Tanzschulen besucht, eine eigene Tanzgruppe mit gehörlosen jungen Frauen gegründet, Bühnenauftritte mit in der Schule gehabt und bei Veranstaltungen in Gehörlosenvereinen performt. Anfangs war das nur ein Hobby. 

Früher haben meist hörende Gebärdensprachdolmetscher:innen Musik auf der Bühne übersetzt. Dann kam die Initiative "Deaf Performance Now", die dafür kämpft, dass gehörlose Menschen diese Aufgabe selbst übernehmen. Seitdem stehen immer mehr gehörlose Künstler:innen auf der Bühne und performen Musik. Das hat mir Türen geöffnet. 

Mehr zu "Deaf Performance Now" könnt ihr hier nachlesen.

  

Du begleitest auf Joyn unsere Formate "The Masked Singer", "The Voice Kids" oder "GNTM". Wie bereitest du dich darauf vor? 

Ich bekomme meist etwa drei Tage vor der Sendung die Setlist und die Songtexte. Dann „höre“ ich mir die Songs über iTunes an. Mit meinen Hörgeräten kann ich den Bass und den Klang wahrnehmen, aber nicht den Gesang. Bei iTunes gibt es häufig Karaoke-Versionen, die mir helfen: ich sehe dort den Rhythmus, also wie schnell oder langsam gesungen wird. 

Danach bereite ich Folien vor. Da Gebärdensprache eine andere Grammatik als gesungene Sprache hat, überlege ich, wie ich die Inhalte so gebärde, dass sie sprachlich und visuell richtig sind. Oft entstehen daraus Bilder, Metaphern oder eine gebärdete Version, die musikalisch wirkt. Diese Informationen ergänze ich in den Folien zum Originaltext. 

Während der Live-Show habe ich eine Gebärdensprachdolmetscherin an meiner Seite, die während des Auftritts die passende Folie klickt. Ich sehe die Folie vor mir eingeblendet und kann so synchron zur Livesendung performen. 

  

Was ist die größte Herausforderung bei einer Live-Sendung bzw. einem Live-Auftritt? 

„Live“ bedeutet: jederzeit kann sich etwas spontan ändern – ein anderer Ablauf, fehlende Textstellen oder Überraschungen auf der Bühne. Dann müssen die Gebärdensprachdolmetscher:innen und ich blitzschnell reagieren. Ich bekomme Hinweise von ihnen und passe meine Performance sofort an. Das ist herausfordernd, aber auch sehr spannend. :)

 

Du arbeitest auch mit den Münchner Kammerspielen zusammen. Inwiefern unterscheidet sich die Arbeit im Theater von der Arbeit im Fernsehen? 

Im Theater habe ich mehr Probenzeit. Wir entwickeln gemeinsam ein Konzept, und ich gestalte meine Kunst als Teil eines Gesamtkunstwerks. Dieser Prozess entsteht oft über Wochen. 

Im Fernsehen geht alles schneller, spontaner und präziser. Dort orientiere ich mich enger am Original und arbeite eher als Vermittlerin, die Musik zugänglich macht. Im Theater hingegen bin ich selbst künstlerischer Teil der Inszenierung. 

  

Was sind deine nächsten Projekte – und können wir deine nächste Deaf-Performance bei uns sehen? 

Aktuell bin ich in den neuen Folgen von "The Masked Singer" sowie im Finale von The Voice zu sehen. Mein nächster Auftritt im Theater findet am 13. Dezember im Residenztheater München im Stück "Pippi Langstrumpf" statt. Ab Januar stehe ich außerdem wieder in den Münchner Kammerspielen im Stück Tristan und Isolde auf der Bühne. 

Ich freue mich sehr, auch künftig bei ProSiebenSat.1 Song-Performances in DGS (Deutscher Gebärdensprache) live begleiten zu dürfen und damit Musik für alle Menschen erlebbar zu machen. 

  

Liebe Susanne, herzlichen Dank für den spannenden Einblick in deine wertvolle Arbeit! 

  *das Interview wurde geführt von Sabrina Happe-Koch

 

#StayPositivelyPurple 💜 Mehr Informationen zur Kampagne findet ihr hier.