"Ich bin der Meinung, dass man in der Arbeit nicht nach dem Geschlecht oder der Sexualität bewertet werden sollte, sondern nach Leistung. Das ist der Grund, warum ich mich nie gezwungen fühlte, mich öffentlich zu outen." 

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Katrin Dusel

Queer im Job: Bastian Stern im Interview

 

"Ich bin der Meinung, dass man in der Arbeit nicht nach dem Geschlecht oder der Sexualität bewertet werden sollte, sondern nach Leistung. Das ist der Grund, warum ich mich nie gezwungen fühlte, mich öffentlich zu outen." 

"Ich bin der Meinung, dass man in der Arbeit nicht nach dem Geschlecht oder der Sexualität bewertet werden sollte, sondern nach Leistung. Das ist der Grund, warum ich mich nie gezwungen fühlte, mich öffentlich zu outen." Bastian Stern macht sich innerhalb wie außerhalb des Unternehmens stark für der Themen der Proud-Community und  trotz seines Engagements wissen viele Kolleg:innen nicht, dass er schwul ist. Im Interview haben wir Bastian gefragt, welche Entwicklungen er sich für LGBTIQ*-Mitarbeitende wünscht, warum er immer wieder im Fernsehen zu hören ist und wie er seinen queeren Hintergrund in seine Führungsrolle einbringt.

Ein Interview von Alina Böhm

Bastian, was ist deine Position im Unternehmen? Erzähle uns etwas über dich!

Ich bin seit 1999 dabei. Verdammt, das sind 21 Jahre. (lacht) Ich war in unterschiedlichen Positionen tätig und bin heute als Head Of Multichannel Promotion die Führungskraft für 36 Mitarbeitende. Für mich ist in meiner Position das Hobby zum Beruf geworden, weil wir hier eine bunte Mischung aus Konzeption, Text, Schnitt und Dreh haben. In der Multichannel Promotion konzipieren und produzieren wir in erster Linie hochqualitative Trailer für alle Sender und Joyn. Das sind fast 50.000 Trailer-Versionen pro Jahr. Seit diesem Jahr sind wir außerdem für die Erstellung von Social Media Creatives verantwortlich. Trotz des hohen Workloads machen wir einen richtig guten Job und werden oft mit Awards ausgezeichnet. Als Führungskraft bin ich richtig, richtig stolz auf meine Mitarbeiter:innen und habe das Glück, dass ich eine Gruppe mit komplett unterschiedlichen Persönlichkeiten leiten darf.

Musstest du dich in deinem Berufsleben je aktiv outen? Bist du überhaupt geoutet?

Ich bin tatsächlich in der glücklichen Lage, dass ich es nie nötig hatte, mir meine Homosexualität auf die Stirn zu schreiben und damit durch den Konzern zu gehen. Ich bin der Meinung, dass man in der Arbeit nicht nach dem Geschlecht oder der Sexualität bewertet werden sollte, sondern nach Leistung. Das ist der Grund, warum ich mich nie gezwungen fühlte, mich öffentlich zu outen. Ehrlich gesagt bin ich immer davon ausgegangen, dass die Leute schon so weit denken. Trotzdem glaube ich, dass es total wichtig ist, das Thema Diversity bei uns im Konzern weiter voranzutreiben. Andere queere Kolleg:innen können nämlich vielleicht nicht so locker mit ihrer Situation umgehen. Eigentlich sollte Diversity längst zum Selbstverständnis geworden sein - auch für Unternehmen.

Eine ähnliche Sichtweise dazu hat auch Björn Behr, der vor kurzem mit seinem Interview den Auftakt der Queer-im-Job-Reihe machte. Im Folgenden kannst du mehr darüber lesen, welche Erfahrungen der 42-Jährige mit seinem Outing im Job gemacht hat.

Musstest du selbst schon einmal Erfahrungen mit Alltagshomophobie im Job machen?

Man hört es manchmal so ein bisschen mit. Ich weiß es über die Jahre natürlich zu differenzieren, was wie gemeint ist. Manchmal kommen homophobe Aussagen von Menschen, die sich mit dem Thema nie befasst haben und unsicher sind. Sie wissen gar nicht, was sie eigentlich sagen oder, dass sie jemanden verletzen könnten. Hier im Konzern habe ich persönlich noch keine Erfahrung mit Alltagshomophobie gemacht. Im Privatleben hingegen kommt das manchmal durchaus vor. In solchen Situationen sollte man genau abwägen, wer das Gegenüber ist und aus welchen Motiven es handelt. Denn im Zweifel könnte man der Schwächere sein, gerade bei Menschen, die sich nicht mit dem Thema Diversität auseinandergesetzt haben.

Was würdest du queeren Personen mit auf den Weg geben, um mit dieser Alltagshomophobie besser umgehen zu können?

Ich würde heute mit solchen Angriffen anders umgehen als ich es vor zehn, zwanzig Jahren getan hätte. Ein junger Mensch frisch von der Uni ist sicher noch nicht so gefestigt. Trotzdem haben die jungen Menschen den Bonus, dass sich die Gesellschaft besser mit LGBTIQ* befasst hat. Es ist nichts mehr, was in dunklen, feuchten Kellern passiert. Ganz im Gegenteil, es wird öffentlich gelebt.

Und trotzdem ist es Typ-Sache, wie man mit Alltagshomophobie umgeht. Gerade im Arbeitsleben will man es sich bei neuen Arbeitgeber:innen nicht direkt im schlimmsten Fall versauen, indem man sich bei verbalen Angriffen vehement verteidigt. Ich persönlich bin damit gut gefahren, dazu zu stehen, wer und was ich bin. Wer mich fragt, bekommt eine Antwort. Ich habe es aber nicht nötig – und das hat kein Mensch nötig -, mit meiner Sexualität offen hausieren zu gehen. Sexualität kann ja auch ein sehr unspannendes Thema sein.

Gerade als Berufsanfänger:in muss man wissen, wem man sich anvertrauen kann. Umso besser ist es, wenn es so etwas wie einen Diversity Manager gibt. So kann man mit Seinesgleichen sprechen, wenn man etwas nicht bei der Chefin oder dem Chef ansprechen kann. Auch der Betriebsrat ist da nicht immer der richtige Ansprechpartner. Aber ich glaube, es gibt kein Patent-Rezept, wie man sich richtig verhalten kann.

Du bist Teil des PROUD-Netzwerks. Warum glaubst du, ist das Netzwerk für uns so wichtig?

Da muss ich etwas ausholen. Vor zwei Jahren habe ich mit einem Freund einen Film gedreht, in dem es auch um Diversity ging. Ich war in der Rolle des Interviewenden. Und dabei habe ich einen sehr schönen Satz von einem Mann gehört, der in einer Beratungsfirma arbeitet. Er meinte, dass es total wichtig sei, ein Unternehmen zu befähigen, sich mit Diversity auseinanderzusetzen. Nur, wer als Mitarbeiter:in ernst genommen wird, sich wohlfühlt und respektvoll behandelt wird, kann den vollen Nutzen aus sich selbst ziehen. Mein Interviewpartner beschrieb das – meiner Meinung nach – treffend als inneren Leistungswillen, den wertgeschätzte Mitarbeiter:innen so zusätzlich zur Leistungsfähigkeit entwickeln können.

Es ist wichtig zu wissen, dass man sich als LGBTIQ*-Mitarbeiter:in auf sicherem Terrain bewegt. Dass das Unternehmen damit kein Thema oder Problem hat und dass man sich dort nicht mehr von gewissen Scheuklappen beschränken lässt. Man muss als Unternehmen signalisieren, dass man Mitarbeitende aufgrund der Leistungen genauso haben will, wie sie sind. Wir respektieren die sexuelle Identität, die religiöse Identität und so weiter. Dass sich jemand enabled fühlt, so zu sein, wie sie oder er wirklich ist, das kann wichtiger sein als Gehalt. Toleranz ist wichtig, aber das Wort Respekt bringt es viel mehr auf den Punkt. Wenn man gegenseitigen Respekt hat und diesen auch lebt, entsteht im Berufs- und Privatleben auch eine gute Gemeinschaft und eine Vertrauensbasis. Die Gesellschaft bleibt ja trotzdem heterogen.

Welchen Umgang erhoffst du dir im Unternehmen mit LGBTIQ* und mit Sexualität im Allgemeinen?

Für mich ist der gegenseitige Respekt das allerwichtigste. Ich glaube, es ist schwierig, den Leuten Verhaltensregeln vorzuschreiben. Es wäre wünschenswert, wenn sich die Leute mit dem Thema auseinandersetzen. Damit sind alle gemeint. Doch es muss auch ein Stück weit vom Konzern vorgelebt werden. Dafür bräuchte es zum Beispiel ein Corporate Behaviour.

Wer kennt es nicht? Man hört ein Gespräch, in dem auf einmal Sätze wie "Sieht das schwul aus" oder "Was schwuchtelt der so rum?" fallen. Kennt man die Personen und weiß, dass sie es anders meinen, ist das okay. Aber man sollte aufpassen, was und wie man etwas sagt. Nicht jeder geht locker damit um und weiß, wie man es richtig einordnen kann. Erst echte Wertschätzung und echtes Enabling bringen uns weiter.

Du bist selbst Führungskraft. Glaubst du, dass du durch deinen queeren Hintergrund Dinge anders händelst als heterosexuelle Führungskräfte?

Ich glaube, dass das eher unbewusst passiert. In erster Linie geht es mir darum, dass es meinen Mitarbeiter:innen gut geht. Und ich kann mich nur wiederholen: Ich bin wahnsinnig stolz auf meine Abteilung. Unser Umgangston ist sehr wertschätzend und respektvoll. Das ist aber bei Abteilungen mit einer heterosexuellen Führung häufig ganz genauso. Ist das jetzt eine blöde Antwort?

Eigentlich ist es doch vielmehr erfrischend, dass du sagst, du machst gar nichts anders, oder?

Stimmt, ja. Ich achte und wertschätze jede:n einzelne:n Mitarbeiter:in. Ich nehme jede:n ernst und versuche regelmäßig alle zusammen zu holen. Mir ist es total wichtig trotz meiner eigenen Projekte immer ganz nah an meinen Mitarbeiter:innen zu sein. Das unterscheidet mich nicht von anderen, sondern es ist ganz normale Führungsarbeit. Durch meinen queeren Hintergrund habe ich bei dem ein oder anderen Thema mehr Background-Wissen. Und womöglich habe ich für manche Bewegungen im Team sensiblere Antennen. Das unterscheidet mich aber nicht komplett.

Welche Entwicklungen siehst du bei uns im Konzern bereits, welche wünschst du dir noch?

Ich habe bereits vor fünf Jahren versucht, ein Diversity-Netzwerk zu gründen. Damals ist dieser Versuch im Sande verlaufen. Dabei war der Umgang mit LGBTIQ* schon sehr offen, aber der Fokus lag eher noch darauf, gegen aktive Diskriminierungen vorzugehen. Aber an dieser Position befinden wir uns nicht mehr. Es geht darum, ein gemeinsames Handeln und eine gemeinsame Sprache zu implementieren. Wir machen das mit dem Netzwerk schon. In kleinen Dosen versuchen wir, das Thema LGBTIQ* anzubringen. So soll jeder Gelegenheit bekommen, sich damit ein Stück weit auseinanderzusetzen. Der gegenseitige Respekt war und ist noch nicht für jede Kollegin und jeden Kollegen zum Selbstverständnis geworden. Ich wünsche mir von Herzen, dass sich das ändert.

Quote Card Bastian Stern

Das hast du über Bastian noch nicht gewusst:

Wer das erste Queer-im-Job-Interview gelesen hat, weiß: An dieser Stelle decken wir eigentlich kleine Facts auf, die man über unsere Kolleg:innen noch nicht gewusst hat. Bei Bastian ist zumindest die Einleitung dazu etwas anders. Warum? Das soll er am besten selbst erzählen.

Für mich ist das hier ein riesengroßer Schritt. Nicht alle meine Kolleg:innen wissen, dass ich Teil des PROUD-Netzwerks bin. Spätestens, wenn ich im Interview zu lesen bin, wissen meine Mitarbeiter:innen alle, dass sie einen schwulen Chef haben. Allerdings war das ja mein eigener Wunsch, das Netzwerk ins Leben zu rufen. Hier im Interview habe ich die Gelegenheit, meine Stimme zu zeigen.

Und Stimme ist ein gutes Stichwort, oder? Du bist nicht nur Head Of Multichannel Promotion, sondern auch Sprecher.

Ja, tatsächlich. Und das schon seit einigen Jahren. Früher habe ich zwischendurch Hörfunk gemacht und eine Sprecherziehung genossen. Mal habe ich hier gesprochen, mal da. Das waren kleinere Spots. Als bei uns eine feste Station Voice ausfiel, meinte ich: Hey, ich habe doch eine Sprecherziehung! Dann habe ich mal den einen oder anderen Trailer eingesprochen. Irgendwann wurde gesagt, dass ich einen Zusatzvertrag als Sprecher bekomme. Allerdings bin ich keine Station Voice, sondern springe weiterhin nur ein, wenn eine Stimme ausfällt oder man explizit meine will, das kommt glücklicherweise auch vor. (lacht)

Danke für das tolle Interview, Bastian!