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Katrin Dusel

Queer im Job: Björn Behr im Interview

"Es muss ein Thema sein, damit es irgendwann keines mehr ist" – Björn Behr, Senior Producer in der Abteilung Content Creation SAT.1 Daytime & Access macht den Auftakt der Interviewreihe "Queer im Job". Der 42-Jährige erzählt uns von seiner Regenbogenfamilie, seinen Erfahrungen mit Alltagshomophobie und erklärt außerdem, warum er das Wort "Outing" für überholt hält.

Ein Interview von Alina Böhm

Was ist deine Position im Unternehmen? Erzähle uns etwas über dich!

Ich bin Björn und mittlerweile 42 Jahre alt. Nach zehn Jahren bei meinem früheren Arbeitgeber habe ich mir in der Elternzeit die Sinnfrage gestellt – und diese mit ProSiebenSat.1 beantwortet. Nach meiner Elternzeit bin ich so nahtlos zur Unternehmensgruppe gekommen. Seit Dezember 2019 war ich als Executive Producer für Formate wie "Genial Daneben – Das Quiz", "Genial oder Daneben" und unterstützend bei "K11" verantwortlich. Meine Aufgaben haben sich kürzlich geändert und ich übernehme als Senior Producer u.a. viele Aufgaben eines in Rente gehenden Kollegen. Ihn zu ersetzen ist eigentlich unmöglich, aber ich versuche das mit frischem Wind zu covern.

Was schätzt du an deinem Arbeitgeber und wieso hast du hier angefangen?

Ich war schon früher in der Gruppe, genauer gesagt bei 9Live. Das war eine Kracherzeit und ich bin zurückgekehrt, weil ich wieder Potential und Platz für viel Kreativität gesehen habe. Hinzu kommt, dass wir vor sechs Jahren aufs Land gezogen sind und da liegt Unterföhring als Arbeitsstätte einfach unglaublich praktisch. Mit Kind beginnt man im Vorstellungsgespräch auch die typischen Eltern-Fragen nach Flexibilität und Co. zu stellen und am Ende hat es einfach gepasst, da ProSiebenSat.1 ein sehr familienfreundlicher Arbeitgeber ist.

Du gehst offen mit deiner Sexualität um. Hast du Erfahrungen mit Alltagshomophobie machen müssen - egal, ob beruflich oder privat?

Ja. Als ich mich vor 22 Jahren geoutet habe, war ich in den USA. Ich habe dort ein Jahr lang für Disney gearbeitet und durfte in Lederhose die deutsche Kultur vertreten (lacht). Ich bin quasi hetero in die USA und schwul zurückgekommen – das war zumindest die Außendarstellung. Bis ich 20 Jahre alt war, hatte ich auch nur heterosexuelle Beziehungen. Nach dem Outing hörte ich hauptsächlich von anderen Mitarbeitern plötzlich Begriffe wie Schwuchtel oder schwule Sau. Das hat mich völlig überfordert. Schließlich war ich derselbe Björn wie vorher – nur stand ich jetzt auf Jungs und nicht mehr auf Mädels.

Ich habe darauf sehr offensiv reagiert und den Cadillac, den wir fuhren, mit Regenbogenaufklebern aufgehübscht. Das machen viele queere Personen nach ihrem Outing, dass sie der Welt beide Stinkefinger zeigen und zeigen wollen, ja, ich bin geoutet und alle sollen es ab sofort akzeptieren. Innerlich sieht es oft anders aus.

Dadurch, dass ich in meinem Fall vorrangig mit den deutschen Mitarbeitern ein Problem hatte, habe ich mich sehr von ihnen abgekapselt. In meiner letzten Woche in Las Vegas hatte ich fast Panik, anschließend wieder nach Deutschland zu fliegen.  Ich dachte, dass alle Menschen in Deutschland so reagieren. Im Nachhinein natürlich naiv, aber da hatte sich einfach etwas manifestiert.

Wie bist du privat mit deiner Homosexualität umgegangen?

Meine Eltern haben gut reagiert. Ihnen habe ich einfach einen Brief aus Amerika geschrieben. Trotzdem bin ich nach meiner Rückkehr zu meinem Vater nach München geflohen (meine Eltern lebten damals getrennt) – eigentlich habe ich in Fulda gelebt -, weil ich dachte, wenn ich Probleme bekäme, dann eher in der Provinz und weniger in der Großstadt. In München habe ich dann meinen ersten Freund kennengelernt, mit dem ichweiter in meine Heimat das Rheinland geflohen bin, Fulda war immer noch keine Option. Und da erinnere ich mich da an eine Situation. Wir saßen offen händchenhaltend am Rhein und es kam eine alte Frau vorbei.

Das waren für mich schlimme 15 Minuten, ich ging davon aus, dass sie sicher irgendetwas Negatives sagen wird. Irgendwann stand sie jedoch auf und sagt: "Ich wünsche Ihnen beiden einen schönen Abend!" Ich weiß nicht wieso, aber das war mein Key Moment. Ich merkte, es wird schon irgendwie weitergehen in Deutschland. Ab da ging ich auch hier offen mit meiner Sexualität um, unter anderem auch bei all meinen folgenden Arbeitgebern.

Wie kam deine Sexualität bei ProSiebenSat.1 zur Sprache?

Ich habe nie einen Hehl daraus gemacht. So empfinde ich es auch nicht mehr als Outing. Wir saßen an meinem ersten Arbeitstag beim Mittagessen und natürlich wurde ich gelöchert. Meine Story war einfach: Ich bin Björn, 42 Jahre alt und lebe auf dem Land mit Mann, Kind und Hund. Ich oute mich nicht mehr, sondern erzähle von meiner Familie.

Warum glaubst du, dass bei queeren Menschen dabei trotzdem Hemmungen bestehen?

In der Öffentlichkeit hören mein Mann und ich oft, dass die Gesellschaft doch offen ist und warum das doch gar kein Problem mehr sei. Klar, die Gegenstimmen sind stiller geworden. Aber LGBTIQ+ ist auch 2020 etwas, was aus der Norm heraushüpft. Generell leben Menschen aber tendenziell gerne in Normen. Deshalb ist es gerade für junge Leute oder jemanden, der sich seit Jahren versteckt, noch immer ein riesen Schritt. Die Angst, wie das Gegenüber reagiert, ist groß. Man möchte gerne gefallen, nicht anecken oder als Sonderling gelten – oft natürlich auch im beruflichen Umfeld. Aus diesem Grund wird auch immer noch das Wort "Outing" verwendet.

Was würdest du einer Person, die sich jetzt im Berufsleben outen möchte, mit auf den Weg gehen?

Das ist eine Typen-Sache. Ich persönlich würde jedem sagen: Leb dein Leben, völlig egal, was die da draußen sagen. Wenn es Arbeitskollegen gibt, die sich daran stören, nur weil du anders bist, dann ist das deren Problem. Je nachdem, was für ein Typ du bist, bekommst du das natürlich besser oder schlechter umgesetzt. Ich war mit 20 auch nicht so radikal mit meiner Einstellung. Heute würde ich mir wünschen, ich wäre es schon gewesen. Aber ganz einfach: Versteck dich nicht, du hast nur ein Leben!

Wie wünschst du dir den Umgang mit LGBTIQ in unserem und in anderen Unternehmen?

Ich wünsche mir Regenbogenteppiche, Einhörner und ganz viel Glitzer! Kleiner Scherz (lacht). Am Ende ist man ja in einem Zwiespalt. Man will total normal sein und es sollte gar kein Thema sein. Es muss aber ein Thema sein, damit es irgendwann keines mehr ist. Jeder soll einfach nur verstehen, dass es einzig und allein um Liebe geht. Und die Beurteilung davon, obliegt niemandem.

Ich sehe da gewisse Parallelen zur Black-Lives-Matter-Diskussion.

Ja natürlich. Warum geht man heute auf den Christopher Street Day? Das harte politische Thema und der Kampf um mehr Rechte, das existiert ja in dieser Form nicht mehr so. Für viele junge Schwule ist so ein Event dann Partymachen. Das ist auch Party, aber eben auch ein Repräsentieren in der Gesellschaft. Man muss und sollte nicht mehr mit Klischees durch die Welt gehen. Homosexualität muss nicht mehr alleinig durch schwule Friseure oder Drag Queens dargestellt werden. Homosexualität kann so wunderbar normal und unspannend sein. Das halte ich für eine sehr schöne Entwicklung. Das Ziel ist aber, den Letzten hinter dem Ofen hervor zu holen und zu sagen: „Hey, Freunde der Nacht, entspannt euch mal.“

Hat ProSieben SAT.1 als Mediengruppe besondere Chancen, um bei Diversity Akzente zu setzen?

Total. Wir haben eine Macht, die wenige Unternehmen in dieser Lautheit und in dieser visuellen Lautstärke haben. Wir zeigen Bild, wir zeigen Ton und können so viele Dinge tun, die andere Branchen kaum erreichen können. Es stellen sich Fragen wie, wie sieht unser Programm aus, machen wir z.B. Themenabende, wie gehen wir on-air damit um, was ist uns als Arbeitgeber wichtig. Das geht über alle Gewerke hinweg.

Welche Freiheiten hast du diesbezüglich in deinem Job ganz konkret? Was kannst du bewegen?

Naja, bis jetzt war ich ein Ideengeber in der EP-Funktion. In meiner neuen strategischen Funktion wird die Möglichkeit vielleicht ein kleines bisschen größer, weil die Verbindungen in die einzelnen Abteilungen breiter werden. Ich würde es mir wünschen.


Das hast du über Björn noch nicht gewusst:

Du betreibst mit deinem Mann das Instagram-Profil @papaundpapi. Wieso habt ihr damit angefangen?

Das fragen wir uns auch ganz oft (lacht). Die Grundintention ist, dass wir das Bild einer Regenbogenfamilie visuell nach außen tragen wollen. Wir wünschen uns, dass wir mit unserem Sohn in ein Restaurant gehen können, ohne dass ein Spotlight angeht und alle Tische ruhig werden.

Außerdem wollen wir zeigen, was wir mit unserem Pflegesohn und dem Thema Pflegekind allgemein erleben. Ich wollte nämlich selbst nie ein Pflegekind. Mein Mann kam auf mich zu und fragte, ob ich mir das vorstellen könne. Ich habe sofort abgelehnt, weil ich dachte, dass uns das Kind wieder weggenommen werden kann. Aber die Realität sieht zumindest in Landkreisen mit vorgelagerten Systemen anders aus. In München z.B. kommen die Kinder zunächst in eine Bereitschaftspflege. Über die nächsten Monate wird abgeklärt, ob es für das Kind doch eine Möglichkeit gibt, zurück zu seinen leiblichen Eltern zu kommen. Ist das nicht möglich, erst dann geht das Kind in die Dauerpflege. Die Wahrscheinlichkeit einer Rückführung ist dann unfassbar gering. Mit dieser Wahrscheinlichkeit konnte ich dann gut leben und mich für das Thema Dauerpflege öffnen. Also kurz zusammengefasst: Wir wollen mit #papaundpapi und unserem Account das Bild der Regenbogenfamilie repräsentieren und unser ganz normales Leben mit Pflegekind zeigen.

PapaundPapi
Instagram-Account @papaundpapi

Welches Feedback bekommt ihr auf Social Media?

Es gab in den letzten anderthalb Jahren vielleicht fünf Kommentare, die nicht schön waren. Da hat sich aber die Community ganz schnell selber reguliert. Ansonsten sind es nur positive Nachrichten. Diese sind toll, aber uns geht es mehr darum, dass uns Paare sagen: ja, ihr habt uns dazu gebracht, dass wir nicht nur auf einer Adoptionsliste stehen, sondern auch das Pflegeseminar besucht haben und uns für auch für Pflege interessieren. Das bewegt uns.

Wie gelingt euch der Spagat zwischen Privatsphäre und offenem Vorleben eurer Realität?

Das ist eine absolute Gratwanderung, die uns nicht immer gelingt. Es führt auch oft zu Diskussionen zwischen meinem Mann und mir. Wir nehmen uns aber immer wieder ganz bewusst viel Zeit für uns selbst, völlig ohne Instagram.

Danke für das tolle Interview, Björn!

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