„Durch mein Outing wächst in mir mehr und mehr meine Haltung. Wenn ich früher aufgrund einer diskriminierenden Aussage wütend geworden bin, habe ich den Mund gehalten und mir meinen Teil dazu gedacht. Jetzt beziehe ich Haltung und weise meine Gegenüber auf das Fehlverhalten hin.“

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Katrin Dusel

Queer im Job: Jochen Schropp im Interview

„Durch mein Outing wächst in mir mehr und mehr meine Haltung. Wenn ich früher aufgrund einer diskriminierenden Aussage wütend geworden bin, habe ich den Mund gehalten und mir meinen Teil dazu gedacht. Jetzt beziehe ich Haltung und weise meine Gegenüber auf das Fehlverhalten hin.“

 

Als Schauspieler und Fernsehmoderator kennt man Jochen Schropp von Formaten wie „Promi Big Brother“ oder dem „SAT.1 Frühstücksfernsehen“ sowie als Gast in zahlreichen Fernsehsendungen. Außerdem widmet sich Jochen mit seinem Podcast „Yvonne & Berner“ unterschiedlichen Diversity-Themen. Im heutigen Interview unserer Queer-im-Job-Reihe erzählt uns der 42-Jährige, welche Ängste ihn bei seinem beruflichen Outing begleiteten, wie er sich aktivistisch für die queere Community einsetzt und welchen Umgang er sich mit LGBTIQ* wünscht.

 

Ein Interview von Alina Böhm

Lieber Jochen, vielen Dank, dass du dir Zeit für dieses Interview nimmst.

Na klar! Ich bin froh, dass es nun ein LGBTIQ*-Netzwerk bei ProSiebenSat.1 gibt. Der Schritt war mehr als nur wichtig. Ein so großes Medienunternehmen muss sich hier positionieren – nach außen, aber eben auch nach innen. PROUD ist ein toller Anfang, sich als Mitarbeiter:innen für die Belange von LGBTIQ* stark zu machen und das unterstütze ich natürlich sehr gerne.

Als Schauspieler und Fernsehmoderator stehst du jeden Tag in der Öffentlichkeit. War das der Grund dafür, dass dein privates Outing schon recht früh stattfand, du deine Homosexualität jedoch erst 2018 öffentlich gemacht hast? 

Anfangs habe ich hauptsächlich als Schauspieler gearbeitet und lange gab es keine queeren Schauspieler:innen, die out waren. Wenn doch, waren es  Hella von Sinnen oder Dirk Bach, die eine Marke für sich und bereits sehr erfolgreich waren. Es machte mir Sorgen, öffentlich zu meiner Homosexualität zu stehen. Zu Beginn meiner Schauspielkarriere wurde ich gerne als Herzensbrecher besetzt und wenn man in einer Zeit aufwächst, in der Homosexualität eher abwertend gesehen wurde – nicht familiär, sondern eher allgemein zeitgenössisch –, dann ist das schwierig. Trotzdem bin ich in meinem Beruf immer sehr offen mit meiner Homosexualität umgegangen und habe niemals so getan, als wäre ich heterosexuell. Ganz im Gegenteil: Ich war sehr transparent und habe meine Partner mit ans Set oder zu Veranstaltungen gebracht. Als ich Anfang 20 war, habe ich immer wieder diskriminierende Aussagen hören müssen – beispielsweise, dass man ja in einer Kussszene mit einer Frau sähe, dass ich eigentlich schwul bin. Ein totaler Quatsch, aber zum damaligen Zeitpunkt wusste ich noch nicht, wie ich damit umgehen soll.

Du musstest dich also erst einmal selbst finden?

Genau. Ich habe viel reflektiert. Was ist denn schwul? Wenn ich mich auf eine bestimmte Art und Weise bewege? Ist das schwul? Es gibt unzählige Beispiele dafür, wie schwierig es ist, wenn basierend auf Äußerlichkeiten Rückschlüsse auf die Sexualität gezogen werden. Ist jemand, der nicht werfen kann, schwul? Nein. Es gibt eben Männergruppen, die nicht werfen können. Es gibt aber auch schwule Männer, die Hochleistungssportler sind und bestens mit Bällen umgehen können. Ich denke, man versteht, was ich sagen möchte. Ich habe sehr oft und sehr lange überlegt, ob ich mich outen soll und bin auf Nummer sicher gegangen. Auch weil mir eine ehemalige Agentur davon abriet. Schließlich hätte jemand sagen können, dass ich nicht mehr für heterosexuelle Rollen besetzt werde.

Hattest du Angst, dass dich andere unfreiwillig outen könnten?

Ich hatte immer ein sehr großes Vertrauen in meine Kolleg:innen, deshalb hatte ich nie wirklich Sorgen. Dazu eine Anekdote: Ich war einmal mit einer prominenten Kollegin in einer Sendung. Einige Zeit später ruft mich ein Redakteur an und sagt mir, dass mich diese Kollegin in einem Interview geoutet hat. Sie hätte gesagt: „Der Jochen wäre ja was für mich, aber der steht auf Männer." Der Redakteur fragte mich, ob er das herausschneiden sollte. Das war sehr freundlich und ein großes Glück. Allerdings gibt es sowieso ein blindes Verständnis zwischen Journalist:innen und Promis, so etwas nicht anzusprechen, wenn die Person es nicht selbst öffentlich gemacht hat.

Toll, dass du diese positiven Erfahrungen gemacht hast!

Ja, es kann aber auch anders laufen. Ich glaube, dass sich manche Menschen nicht darüber im Klaren sind, was ein Zwangsouting für die jeweilige Person bedeuten könnte. Oft ist ja auch schon die Angst vor einer negativen Reaktion auf das berufliche Outing eine unglaubliche Last für die Personen. Schließlich kann so etwas auch in einem vermeintlich offenen Unternehmensumfeld passieren – man muss nur auf die falsche Person treffen. Diese Angst vor Diskriminierung kann auch das Privatleben stark beeinflussen. Das ist einfach schlimm.

Was würdest du jemandem raten, die oder der vielleicht Angst hat, sich im Job zu outen?

Man sollte sich die Frage stellen, woher eigentlich die Angst vor dem Outing rührt. Wahrscheinlich ist der Grund, dass man Angst hat, nicht angenommen zu werden oder den Job verlieren zu können. Ich finde, es gibt immer eine Chance, den Job zu verlassen oder in den Dialog zu gehen. Wenn ich irgendwo unglücklich bin oder schlecht behandelt werde, muss ich das nicht aushalten. Man muss unbedingt aktiv werden und im schlimmsten Fall persönliche wie berufliche Konsequenzen ziehen. Frage dich selbst: Welcher Wunsch ist größer? Willst du beruflich gefeiert bleiben, aber die Sexualität verschweigen und in einem Korsett leben? Oder willst du es zumindest versuchen, um ein offeneres Leben führen zu können?

Was würdest du deinem früheren Ich mit auf den Weg geben?

Keine Angst zu haben, denn ich hatte Angst davor, dass ich nicht angenommen werde. Ist das passiert? Nein. Ich bin, glaube ich, authentischer und glaubhafter geworden. Dafür bin ich sehr dankbar.

Als öffentliche Person kannst du heute eine Vorbildrolle für die queere Community einnehmen. Vor 20 Jahren wäre es vermutlich noch nicht so einfach gewesen, die Sexualität – vor allem im Job – offen auszuleben. Trotzdem wird immer noch diskutiert, ob man sich denn überhaupt noch outen muss?

Das, was in den letzten Jahren passiert ist, hat eine neue Dynamik. Früher wurden Prominente teils von Kollegen geoutet. Mittlerweile hat man das Gefühl, dass sich alle paar Wochen jemand outet. Es gibt mittlerweile einige queere Identifikationsfiguren in den Medien. Das ist toll! Und trotzdem ist und bleibt es immer ein Outing, wenn ich meine queere Identität preisgebe: Ob man seine:n Partner:in mit zu einer Veranstaltung bringt oder es wie Jannik Schümann macht, der einfach ein Bild mit seinem Freund auf Instagram gepostet hat. Man muss keinen offenen Brief schreiben, wie ich es getan habe, um sich zu outen, aber es ist und bleibt ein Outing. Das liegt einfach an unserer heteronormativen Gesellschaft.

Du wirkst hinsichtlich deiner Sexualität sehr gefestigt. Was hat sich für dich persönlich und beruflich seit deinem öffentlichen Outing geändert?

So viel! Ich hätte nie gedacht, dass ich mich irgendwann als Aktivisten sehe, aber heute tue ich das. Mittlerweile habe ich so viel gelernt und versuche, mein Wissen weiterzugeben. Früher wäre es undenkbar gewesen, über gewisse Themen zu sprechen. Anfangs war das auch schwer für mich, weil ich ja nur eine individuelle Sicht auf Dinge habe und ein schwuler Mann bin. Keine lesbische Frau. Kein transsexueller Mann. Ich bin binär. Ich bin in keinem religiösen Haushalt aufgewachsen. Ich habe keinen Migrationshintergrund. Das queere Leben ist so weit gefächert und ich wusste nicht, ob ich hier aktivistisch tätig werden kann. Aber durch mein Outing wächst in mir mehr und mehr meine Haltung. Wenn ich früher aufgrund einer diskriminierenden Aussage wütend geworden bin, habe ich den Mund gehalten und mir meinen Teil dazu gedacht. Jetzt beziehe ich Haltung und weise meine Gegenüber auf ihr Fehlverhalten hin.

In unseren bisherigen Interviews der "Queer im Job"-Reihe hieß es, Diversität muss so lange ein Thema sein, bis es irgendwann keines mehr ist. Wie siehst du das?

Ich sehe das absolut genauso. Es wird immer davon ausgegangen, dass man heterosexuell und binär ist, wenn man nicht den Mund aufmacht und sagt "Ich bin eine Frau und stehe auf Frauen" oder "Ich bin transsexuell". Das muss sich ändern. Auch durch das Bild queerer Menschen in den Medien.

Vielen Dank für dieses schöne Interview, lieber Jochen.