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Julia Rosenzweig

Queer im Job: Maro im Interview

"Mein Coming-out und meine Erfahrungen in verschiedenen Ländern und Kulturen haben meine Offenheit, Flexibilität und Anpassungsfähigkeit gestärkt. Das hilft mir, Veränderungen anzunehmen und mich auch in unsicheren Situationen zurechtzufinden."

Willkommen Maro, unser erster Gast in unserer #QueerimJob-Interview-Reihe in diesem Jahr!

Seit einem Jahr ist er als Scrum Master Teil des ProSiebenSat.1 Tech Teams in Berlin. Im Interview sprechen wir mit ihm über seine berufliche und private Reise, die bereits viele Stationen beinhaltete  – von seinem Heimatland Argentinien, über Italien und Spanien bis nach Deutschland. Offen und persönlich spricht er über seinen Coming-out-Prozess als schwuler Mann und teilt mit uns seine Ideen, wie Unternehmen ein wirklich inklusives Umfeld für queere Menschen schaffen können. 

Außerdem verrät er einen Fakt über sich, der selbst für viele seiner Kolleg:innen noch neu sein dürfte. Wir sagen nur: „Rock'n'Roll"!

Lieber Maro, wie schön, dich da zu haben! Unsere „Warm up-Frage“ an dich: Auf einer Skala von 1 bis 10: Wie sehr freust du dich auf den Frühling?

Gute Frage, auf einer Skala von 1 bis 10 würde ich eine 8 wählen.

 

Könnte deine Vorfreude auf den Frühling vielleicht auch damit zusammenhängen, dass du aus Argentinien kommst und eigentlich ein anderes Klima gewohnt bist?

Ja, ich muss zugeben, dass ich mich schon sehr auf wärmere Temperaturen freue. Passenderweise fliege ich diesen Monat sogar noch nach Buenos Aires, wo mich Temperaturen um die 25 Grad erwarten – sozusagen ein etwas vorgezogener Sommer für mich (lacht).

Du bist jetzt seit etwa einem Jahr bei ProSiebenSat.1. Wie sah dein Weg zu uns aus? 

Mein Mann und ich hatten ursprünglich den Wunsch, mehr von der Welt zu sehen. Da wir beide auch italienische Wurzeln haben, sind wir zunächst nach Italien gezogen, um die italienische Staatsbürgerschaft zu erhalten. Nachdem wir diese hatten, sind wir nach Barcelona umgezogen, wo ich als Agile Coach ein einem polnischen Start-up arbeitete und einen Kunden in dieser fantastischen Stadt unterstützte.

Im Sommer 2024 waren wir für einen kurzen House-Sitting-Urlaub das erste Mal in Berlin und wussten sofort: Das ist Liebe auf den ersten Blick! Als dann auch noch eine Stelle als Scrum Master bei ProSiebenSat.1 in Berlin ausgeschrieben war, habe ich mich sofort beworben und bekam letztendlich die Zusage! 

 

Das klingt wirklich super spannend. Wie genau können wir uns deinen Arbeitsalltag vorstellen?  

In meiner Rolle unterstütze ich alle relevanten Stakeholder im Tech-Bereich dabei, ihre Herausforderungen bestmöglich zu meistern. Ich moderiere zum Beispiel Workshops und Retrospektiven, also regelmäßige Teammeetings, um gemeinsam zu reflektieren und die Zusammenarbeit und die Prozesse kontinuierlich zu verbessern. Mein Umfeld ist multikulturell, sehr wertschätzend und gibt mir viele Freiheiten. Für mich ist das perfekt, um sowohl beruflich als auch persönlich zu wachsen.

Wie nimmst du die Akzeptanz innerhalb der Gesellschaft gegenüber queeren Menschen wahr? Engagierst du dich aktiv in der LGBT+-Szene? 

In Berlin verspüre ich eine große Akzeptanz und ich fühle mich in den meisten Situationen auch sicher. Ich habe hier gute queere Freund:innen gefunden und kann ich selbst sein. Auch auf institutioneller Ebene haben wir Gleichberechtigung erfahren, z.B. als wir uns als Ehepaar registrieren lassen konnten und eine Aufenthaltserlaubnis als Familie erhielten. Leider ist das in vielen anderen Ländern der Welt nicht der Fall, wo queere Menschen immer noch verfolgt und bedroht werden.

Persönlich bin ich großer Unterstützer und Teilnehmer der CSD- und Pride-Paraden, z.B. in Berlin, Buenos Aires oder Barcelona. Außerdem möchte ich zu mehr queerer Sichtbarkeit beitragen, indem ich heute Gast in der tollen „Queer im Job“-Interviewreihe bin und meine Geschichte erzähle. 

Du hast schon in mehreren Unternehmen in Argentinien und Europa gearbeitet. Basierend auf diesen Erfahrungen: Was können Unternehmen tun, um eine Kultur zu schaffen, in der sich queere Menschen sicher und akzeptiert fühlen?

Ich denke, die erste wichtige Frage, die sich Unternehmen in diesem Zusammenhang stellen sollten, ist: Welche Unternehmenskultur streben wir an? Diese verstehe ich als eine fortwährende Reise, die durch Handlungen, Entscheidungen und Kommunikation geprägt wird. Das erfordert ausgebildete Personen, die Verantwortung übernehmen, entsprechende Maßnahmen umzusetzen und auch bei inakzeptablen Verhaltensweisen Haltung zeigen. 

In der Vergangenheit hatte ich die Möglichkeit, Diversity-, Equity- und Inclusion-Initiativen (DEI) in einem globalen Unternehmen zu leiten. Zusammen mit einer Gruppe von Botschafter:innen führten wir monatliche Workshops durch, um die DEI-Agenda in der gesamten Organisation sichtbar zu machen. Dies war sehr erfolgreich und regte Teams und Abteilungen an, sich mit Themen wie Interkulturalität, subtile Formen der Ausgrenzung (engl. Subtle Acts of Exclusion - SAE) z.B. mit Hilfe des Priviledge Walks* auseinanderzusetzen. Ich bin der Meinung, dass Unternehmen gezielt in solche Schulungen investieren sollten.

Natürlich stellen wir dir zum Abschluss auch noch unsere Klassiker-Frage: Gibt es etwas, das deine Kolleg:innen noch nicht über dich wissen?

Absolut! Viele wissen sicherlich noch nicht, dass ich in meinen 20ern und 30ern mehrere Pop-Rock-Bands gegründet habe und dabei Leadsänger und Gitarrist war. Eine tolle Zeit! In meinen 40ern habe ich das Rockstar-Dasein allerdings aufgegeben und singe heutzutage nur noch unter der Dusche (lacht). Allerdings habe ich einen anderen Weg gefunden, meine Liebe zur Musik auszuleben, indem ich kürzlich ein Online-Multiplayer-Musikquiz namens HITAZOS entwickelt habe.

Vielen Dank lieber Maro für diese spannenden Einblicke und dass du deine Geschichte mit uns geteilt hast! 

 

*Der Privilege Walk ist eine Gruppenaktivität, die dazu dient, strukturell bedingte gesellschaftliche Ungleichverhältnisse sichtbar und greifbar zu machen. Sie soll helfen, über die Auswirkungen systemischer Privilegien zu sprechen und sich darüber auszutauschen