Alexander Karl

Wie alles begann oder: Der leistungsfähigste Grafikchip der Welt

Augen zu und hingeschaut: Als Blinder in einem Medienkonzern arbeiten? Ja, das geht! Volontär Alex zeigt uns in seinem neuen Blog seine eigene Perspektive auf den Berufsalltag und verrät uns, warum er selbst noch gerne TV "schaut". 

Ich bin jetzt seit ein paar Jahren blind. Perfekt gesehen habe ich auch vorher nicht, doch ich bin ein echtes Kind des Fernsehens – ein wenig, als hätten meine Eltern sich gesagt: „Sehbehindert ist er eh schon, dann soll er jetzt ruhig schauen. Kann ja nicht mehr viel kaputtgehen.“ Gerade ProSieben und SAT.1 haben mich geprägt: „ran Bundesliga“, „Alle unter einem Dach“, „Die Simpsons“, „TV Total“, „Die Harald-Schmidt-Show“, „Switch Reloaded“, „Schlag den Raab“, „How I Met Your Mother“ – vom Kind zum Erwachsenen. Natürlich habe ich mit der Erblindung nicht auf einen Schlag damit aufgehört. Ich sehe weiter fern. Sehr viele Programme behalten auch ohne Bild noch den Großteil ihres Reizes. Klingt komisch, ist aber so. Meine ich.

 

1704_Alex_Motiv3

Klar: Actionfilme mit spektakulären 3D-Effekten aber dünner Handlung locken mich jetzt nicht mehr ins Kino. Aber gerade viele Serien leben maßgeblich von ihren Dialogen, Sitcoms und Comedy-Serien wie „The Big Bang Theory“ oder „jerks.“ sind gute Beispiele dafür. Man stelle sich diese Serien bitte ohne Ton oder Untertitel vor – unmöglich! Über die Dialoge kann ich mir das meiste ganz gut ausmalen. In manchen Shows wie „The Big Bang Theory“ kenne ich Personen und Orte außerdem noch von früher. Und hey, wenn ich mir doch hier und da mal etwas falsch vorstelle, was soll’s? Schließlich läuft mein Fernseher jetzt, um Dr. Sheldon Cooper zu zitieren, „mit dem leistungsfähigsten Grafikchip der Welt: der Vorstellungskraft“. Und mit dieser und einem aufmerksamen Gehör kommt man häufig sehr weit, sogar große (Live-)Shows wie „Schlag den Star“ kann ich, auch durch den engagierten Kommentator bei den Action-Spielen, weitgehend gut verfolgen. Kleine Momente, in denen man nicht genau weiß, was gerade passiert, muss man eben verkraften.

Etwas mehr verpassen würde ich sicher ohne Unterstützung bei unserer bildgewaltigen Show „The Masked Singer“. Doch die Sendung war nach dem Finale von „Germany’s Next Topmodel“ das erste Format, dessen komplette Staffel mit Audiodeskription ausgestrahlt wurde. Also mit ergänzenden Beschreibungen für blinde und schwer sehbeeinträchtigte Menschen. Das funktioniert auch bei der zweiten Staffel wieder wunderbar und bringt mir die aufwändigen Kostüme, die Auftritte und die Show bildlich sehr gut nahe. Bei manchen Sendungen im TV vermisse ich meinen Sehsinn allerdings eher weniger. (Politik-) Herrschaften in Talkshows zuzuhören ist alleine häufig schon anstrengend genug…

1704_Alex_Motiv4

Dass ProSieben gerade in dem Moment, als ich hierherkam, mit der Audiodeskription anfing, ist eine von vielen Situationen in den letzten Jahren, in denen die Dinge einfach zusammenpassten. Ich musste offenbar erst mal blind werden, um meinen Weg in die Medienwelt zu finden. Sähe ich noch so „gut“ wie 2013, würde ich heute nicht bei P7S1 das tun, was ich liebe, sondern wohl in irgendeinem Landratsamt Bescheide ausstellen.

2011 begann ich – aus Gründen, die wenig mit Interesse und viel mit Vernunft zu tun hatten (Stichworte: schwerbehindert, Staatsdienst, abgesichert) – eine Ausbildung zum Verwaltungsbeamten. Mitten hinein platzte die plötzliche Erblindung meines einzig noch halbwegs funktionierenden linken Auges. Ich musste die Ausbildung abbrechen – doch meine Trauer hielt sich in Grenzen. Bei einer Rehamaßnahme hörte ich von der Münchener Journalistenakademie Dr. Hooffacker, die eine Weiterbildung zum Online-Redakteur Crossmedia auch für Blinde anbietet. Ich entschied mich, es zu versuchen – eine der besten Entscheidungen meines Lebens. Auf einen tollen Kurs folgten zwei fantastische Praktika in der Medienbranche, heute bin ich Volontär in der Konzernkommunikation und im brandneuen Sustainability-Ressort von ProSiebenSat.1. Im Jahr 2020 begegnen mir zwar immer noch einige Barrieren, beispielsweise bei der Nutzung mancher Computerprogramme oder ganz banal beim Essenholen, wenn die Kantine sehr voll ist. Aber Hilfssysteme für PC und Smartphone machen sehr viel möglich, was vor 20 Jahren noch utopisch gewesen wäre. Und für den Rest gibt es ja Kollegen in meinen super Teams.

1704_Alex_Motiv6

Was haben wir also gelernt? Blind und Fernsehen, das funktioniert sehr wohl, egal ob vor dem Kasten oder hinter den Kulissen – muss ja nicht gleich ein Job als Fotoredakteur sein. In Zukunft biete ich Euch hier regelmäßig meinen speziellen Blick (no pun intended) auf Aktuelles rund um das Unternehmen, das TV-Programm oder meine Arbeit hier. Ich freue mich darauf! Nächstes Mal geht es darum, wie Blinde Sportübertragungen im TV erleben.

In diesem Sinne: Viel Spaß, und benutzt Eure Ohren… Sie helfen Euch viel mehr, als Ihr denkt!

Jobs finden!