Alexander Karl

Ich höre was, was ihr nicht seht – Sport im TV

Augen zu und hingeschaut: In seinem neuen Blogpost nimmt uns Volontär Alex mit in die Sportwelt und erzählt uns, wie er Sportsendungen erlebt. 

„Götze – mach ihn – er macht ihn, Mario Götzeee! Es ist doch Wahnsinn!“ Den Live-Kommentar aus dem Fußball-WM-Finale 2014 haben viele von euch nach zahllosen Wiederholungen der Szene sicher sofort im Ohr. Damals erlebte ich das Spiel in einem Lokal und war wohl der einzige dort, der den Kommentator hörte. Ich hatte, frisch erblindet, einen Platz nah am TV bekommen. So konnte ich zuvor den völlig aufgelösten Rest der Kneipe beruhigen, der das laute „Abseits!“ beim Tor von Argentinien nicht gehört hatte.

So wenig ihr Sehenden euer Gehör oft wertschätzt, so essenziell ist es für mich, natürlich auch bei Sportübertragungen. Bei einem Live-Fußballspiel ist der reguläre Kommentar besser als nichts, doch meist sehr arm an konkreten Informationen. Seit 2015 bieten die Öffentlich-Rechtlichen Sender aber bei Live-Übertragungen Audiodeskription für Blinde und Sehbehinderte an. Dieser Service macht den Sport für mich wieder viel direkter erleb- und genießbar. Wie bei unseren Live-Shows beschreiben zwei Sprecher im Team. Sie sprechen ständig, deutlich mehr und lebhafter als bei Filmen oder Shows, bringen auch Hintergrundwissen ein. Das Ergebnis gleicht einer etwas zu detailverliebten Radio-Übertragung. Unter anderem EM und WM konnte ich so wunderbar verfolgen. Wenn Experten in den Medien ihre Wahrnehmung der Partien kundtun, habe ich oft den Eindruck, dass ich durch die Sprecher sogar einen genaueren und objektiveren Blick gewinnen konnte. Auch andere Sport-Events werden mit Audiodeskription gesendet, etwa Olympia oder Weltmeisterschaften in Handball oder Leichtathletik. Mehr davon!

Einen besonderen Status nimmt für mich seit der Erblindung Darts ein. Als ich ganz unten war, half mir der Sport durch die Krise. Ende 2014 war ich endgültig blind und musste meine Ausbildung abbrechen. Ich saß viel daheim, zappte herum und blieb an der Darts-WM hängen. Diese Sportart war mir zuvor noch nie im Fernsehen aufgefallen. Sie ist das erste Phänomen, das ich dort bewusst nur als Blinder kenne. Für die nächsten Wochen war das etwas Interessantes, an dem ich mich festhalten konnte.

Gerade in Deutschland wurde Darts zuletzt ja rasant beliebter – auch wir bei P7S1 übertragen ab und zu Turniere. Ich selbst bin fasziniert und zur Weihnachtszeit immer im WM-Fieber. Darts wird oft belächelt, ist aber eine extrem spannende Sportart, in der sich eine Partie jederzeit wenden kann. Vor allem aber ist es auch ohne Audiodeskription für Blinde ideal zu verfolgen. Der „Caller“ in der Halle sagt den erzielten Wert an, genau wie die noch übrigen Punkte am Ende. Meist kommentieren zwei engagierte Sprecher gemeinsam. Und welche optischen Genüsse verpasse ich schon? Man wirft Pfeile auf ein Board. Da sieht ein Treffer in die Triple-20 so unspektakulär aus, wie wenn der Dart die Scheibe verfehlt. Die Athleten sind in der Regel auch keine Schönheitskönige, denke ich. Man verzichtet nur auf die kreativen Kostüme der Fans. Aber damit kann ich leben.

Doch die große sportliche Erfolgs-Story bei P7S1 war zuletzt American Football. Auch in Europa gibt es heute viele fanatische Fans, zu denen ich mich allerdings nicht zähle. Trotzdem fesseln mich die Live-Spiele immer wieder – ohne Audiodeskription und obwohl ich die komplexen Regeln nur im Ansatz kenne. Das liegt am enthusiastischen Kommentatorenteam. Die Sprecher um Jan Stecker und Coach Esume sind nicht nur Experten, sondern selbst Fans und ihre Begeisterung reißt den Zuschauer mit. Diese Jungs könnten eine Schachpartie zum Event machen. Hier fände ich Audiodeskription, wie beim Darts, gar nicht wünschenswert. Mehr Details wären natürlich schön, aber dafür auf diese Kommentatoren verzichten? Nein, danke.

Beim Live-Fußball sind die Beschreibungen für Sehbeeinträchtigte aber Gold wert. Und 2021 kommt die Bundesliga nach vielen Jahren für neun Live-Spiele pro Saison zurück zu Sat.1. Gerade für jemanden wie mich, der als Kind in den ‘90ern erlebt hat, wie „ran“ zu Zeiten von Beckmann und Kerner die Bundesliga-Berichterstattung neu erfunden hat, ist das fantastisch. Nach unserem tollen Start mit GNTM und TMS wäre es nur konsequent, auch diese Spiele mit Audiodeskription zu senden. Schließlich können wir hohe Quoten erwarten, auch bei älteren Jahrgängen. Solange ich bei P7S1 arbeite, werde ich mich für den Ausbau der Barrierefreiheit einsetzen – nicht nur bei Sportsendungen. Damit ich beim nächsten WM-Titel wieder als Einziger weiß, was tatsächlich passiert ist.

Zum Abschluss kommen wir, wie schon beim letzten Mal, auch heute wieder zum musikalischen Teil: Sport-Songs gibt es viele: Lieder über Sport, Lieder, die im Nachhinein zu Sporthymnen werden. Ganze Stadien singen die Melodie eines Gitarrenriffs. Früher gab die Nationalmannschaft zur WM immer ihr „Können“ zum Besten („Wir sind schon auf dem Brenner“). Vereine haben Hymnen und spezielle Lieder zum Torjubel, Darts-Profis alle ihren eigenen Einlauf-Song. Für meinen Song zum Thema und die Rubrik „Ohren auf!“ ist die Auswahl also groß. Mit „Bayern“ von den Toten Hosen würde ich in Unterföhring wohl meine Zukunft riskieren. Das großartige „Three Lions“ ist bekannt. Übrig bleibt ein Lied, das auch Sportmuffel unbedingt einmal gehört haben sollten: „Der Tag wird kommen“ (2014) von Marcus Wiebusch, Sänger der Indie-Band Kettcar, ist ein eindrucksvolles Statement gegen Homophobie im Allgemeinen und insbesondere Homophobie im Fußball. Die Message ist ernst, das Stück lang, aber immer unterhaltsam und ohne Kitsch, Hier ist der Link zum Video.

Noch einen schönen Sommer, bleibt sportlich, und benutzt eure Ohren... sie ersparen euch Missverständnisse, dann habt ihr mehr Zeit für wichtige Dinge... wie Sport.

Jobs finden!